To all my Ladies - Der Weg …
Ich glaube, ich war schon sehr früh auf der Suche nach etwas, das größer war als ein normaler Plan.
Nicht, weil ich genau wusste, wohin ich wollte. Ganz im Gegenteil. Ich wusste es überhaupt nicht. Ich spürte nur diese innere Flamme, dieses leise, hartnäckige Gefühl, dass da noch etwas auf mich wartet. Etwas, das nicht einfach nur Beruf, Alltag oder ein hübsch formulierter Lebenslauf sein würde.
Von außen betrachtet sah das wahrscheinlich vernünftig aus. Nur innerlich blieb immer dieses kleine, unangenehme Ziehen. Dieses Gefühl von: Ja, aber das ist es nicht.
Und mit jeder Entscheidung, die sich nicht richtig anfühlte, wurde ich ein bisschen ungeduldiger mit mir selbst. Vielleicht auch enttäuschter. Während andere scheinbar schon wussten, wer sie sind und wohin sie gehören, stand ich da mit meiner Flamme, meinem Bauchgefühl und sehr vielen Fragezeichen.
Kurz bevor aus Suche Verzweiflung wurde, setzte ich noch einmal alles auf eine Karte. Ich fing bei null an und entschied mich für die Ausbildung zur Friseurin. Nicht irgendwo. Es sollte einer der besten Salons der Stadt sein. Der Anspruch hoch, das Umfeld stark, die Ausbildung genau das, was mich endlich auf meinen Weg bringen sollte.
Rückblickend weiß ich: Diese Entscheidung hat mich geprägt.
Sechzehn Jahre später blicke ich auf eine Zeit zurück, die schwer, lehrreich, schön, herausfordernd und manchmal auch ziemlich gnadenlos war.
ach der Schule probierte ich verschiedene Wege aus. Ich begann Ausbildungen, zog Dinge durch, beendete sie auch. Von außen betrachtet sah das wahrscheinlich vernünftig aus.
Ich wurde Artist. Ich lernte, was Handwerk bedeutet. Ich arbeitete mich hoch, wurde besser, feiner, sicherer. Ich lernte, Menschen zu sehen. Nicht nur ihre Haare, nicht nur ihr Gesicht, sondern das, was sie ausstrahlen wollen, bevor sie es selbst richtig benennen können.
Und trotzdem blieb da diese Stimme.
So sehr ich meinen Beruf liebte, so sehr ich wusste, dass ich darin gut war, irgendetwas in mir flüsterte immer wieder: Das ist ein Teil von dir. Aber nicht alles.
Natürlich machte mich das wahnsinnig. Charmant wahnsinnig vielleicht, aber wahnsinnig. Denn wie findet man etwas, wenn man nicht weiß, wonach man sucht?
Also tat ich, was man eben tut, wenn man sich selbst auf die Schliche kommen möchte. Ich las Bücher über persönliche Entwicklung, machte Übungen, beantwortete Fragebögen, schrieb Stärken auf, ließ Freunde und Familie beschreiben, was sie in mir sehen. Ich suchte nach Mustern, nach Zeichen, nach dieser einen Antwort, die plötzlich alles sortieren würde.
Und trotzdem: nichts.
Oder sagen wir besser: nichts, was ich damals erkennen konnte.
Ich bewunderte Menschen, die schon als Kind wussten, dass sie Ärztin, Sängerin, Designerin oder Weltveränderin werden wollten. Bei mir war es anders. Ich wusste nur, dass da Potenzial war. Und anscheinend sahen es auch andere. Immer wieder begegneten mir Menschen, die sagten: „Aus dir wird mal etwas Großes. Du hast so viel in dir.“
Hahaha.
Was sagt man darauf, wenn man selbst gerade nicht einmal weiß, welche Richtung die richtige ist? Natürlich glaubte ein Teil von mir daran. Und ein anderer Teil dachte regelmäßig: absolut null Komma null.
Vielleicht gehört genau das dazu.
Vielleicht begehen wir Frauen auf unserem Weg nicht nur Fehler, weil wir es nicht besser wissen. Vielleicht brauchen wir manche Umwege, weil wir uns sonst nie selbst begegnen würden. Vielleicht müssen wir manchmal in falschen Räumen stehen, falsche Rollen spielen, falsche Menschen lieben und falsche Versionen von uns ausprobieren, um irgendwann zu erkennen: Das bin ich nicht. Aber ich komme näher.
Bei mir wurde es nicht leichter, bevor es klarer wurde.
Das Leben stellte mich nicht sanft vor meine Erkenntnisse. Es war eher eine dieser Lektionen, bei denen man kurz denkt: War das jetzt wirklich nötig? Eine Beziehung, die mich kleiner machte, als ich war. Eine Diabetes-Typ-1-Diagnose, die mein Leben neu sortierte. Ein Punkt, an dem ich wieder bei null anfangen musste. Kein Auto, kein Geld, kein sicherer Boden unter den Füßen.
Und trotzdem baute ich Stück für Stück wieder auf.
Nicht perfekt. Nicht glamourös im klassischen Sinn. Eher mit zerzausten Haaren, innerem Trotz und diesem Blick, den man bekommt, wenn man schon zu oft gefallen ist, um sich vom Fallen noch beeindrucken zu lassen.
Genau dort begann ich langsam zu verstehen, wer ich eigentlich bin.
Nicht, weil plötzlich ein großes Zeichen vom Himmel fiel. Sondern weil ich anfing, anders auf mein eigenes Leben zu schauen. Was hat mich immer getragen, auch an schweren Tagen? Was hat mir Freude gemacht, selbst wenn alles andere kompliziert war? Warum fühlten sich Menschen bei mir gesehen? Warum kamen Kundinnen nicht nur wegen meiner Arbeit, sondern wegen etwas, das sie bei mir spürten?
Die Antwort war so selbstverständlich, dass ich sie jahrelang übersehen hatte.
Ich verwandle mich stetig. Ich liebe es, mich neu zu erfinden. Ich sehe Schönheit nicht nur im Außen, sondern in der Haltung eines Menschen. Ich bin ehrlich, direkt, emotional, manchmal zu viel, aber nie unecht. Und vielleicht ist genau das meine Gabe: Menschen mit meiner Persönlichkeit abzuholen. Sie nicht zu belehren, sondern zu berühren. Ihnen etwas mitzugeben, das sie wieder an sich selbst erinnert.
Hier entstand die Idee.
Nicht als perfekter Businessplan. Nicht als sauberer Fünf-Jahres-Entwurf. Sondern als Gefühl. Als Wunsch, etwas zu hinterlassen. Frauen zusammenzuführen. Einen neuen Blick auf das Frau-Sein zu schaffen. Einen Raum, in dem wir nicht ständig besser, leiser, glatter oder angepasster werden müssen. Sondern echter. Klarer. Lebendiger.
To all my ladies, vielleicht ist das der Punkt.
Wir müssen nicht von Anfang an wissen, wer wir sind. Wir dürfen suchen. Wir dürfen falsch abbiegen. Wir dürfen uns überschätzen, unterschätzen, neu sortieren und wieder aufstehen. Wir dürfen Fehler machen, solange wir nicht darin wohnen bleiben.
Und irgendwann, manchmal viel später als geplant, erkennen wir: Der Weg war nicht umsonst. Er hat uns geformt. Er hat uns geschliffen. Er hat uns gezeigt, was nicht zu uns gehört — und was schon immer in uns war.
Mein Weg hat gerade erst begonnen.
Aber zum ersten Mal fühlt es sich nicht mehr so an, als würde ich verzweifelt nach meiner Bestimmung suchen.
Es fühlt sich an, als hätte ich angefangen, sie selbst zu erschaffen.
Lovely regards,
yours
NAYA.E

