Das Disney-Phänomen



Wir sind doch alle irgendwie mit Märchen groß geworden.

Mit Schlössern, funkelnden Kleidern, magischen Momenten und diesem einen Prinzen, der genau im richtigen Augenblick auftaucht. Natürlich mit perfektem Timing. Natürlich mit einer Frisur, die selbst nach einem Ritt durch den Wald erstaunlich sitzt. Und natürlich mit der Fähigkeit, innerhalb weniger Minuten alles zu retten, was vorher dramatisch schiefgelaufen ist.

Sehr praktisch, eigentlich.

Und ganz ehrlich: Ein bisschen lieben wir diese Vorstellung doch immer noch.


emand betritt die Szene, sieht uns an, als wären wir die Hauptrolle in seinem Lieblingsfilm, und plötzlich sortiert sich das Leben wie von selbst. Die Musik wird weicher, das Licht besser, das Kleid funkelnder. Irgendwo gibt es eine Treppe, die nur darauf gewartet hat, dass wir sie dramatisch hinuntergehen.

Ja. Bitte. Nehmen wir.

Aber vielleicht liegt genau hier der kleine Haken im Prinzessinnenvertrag.

Denn irgendwo zwischen Disney, Märchenbuch und romantischer Vorstellung hat sich ein Gedanke eingeschlichen: dass das schönste Kapitel erst beginnt, wenn jemand anderes erscheint. Der Prinz. Die große Liebe. Der eine Mensch. Dieses große Zeichen, auf das angeblich alles hinausläuft.

Und während wir darauf warten, vergessen wir manchmal, dass unser Leben längst begonnen hat.

Vielleicht ist der Prinz gar nicht das Problem. Vielleicht ist das Warten das Problem.

Das echte Leben ist viel kreativer als jedes Märchenbuch. Manchmal kommt Rettung nicht mit Cape, Pferd oder perfektem Jawline-Profil. Manchmal kommt sie als beste Freundin mit Kaffee und einer sehr ehrlichen Meinung. Als Mama am Telefon, die mit drei Sätzen mehr Kraft gibt als jedes Motivationsbuch. Als Schwester, als Bruder, als Mensch, der einfach bleibt, ohne daraus eine große Szene zu machen.

Und manchmal kommt sie von uns selbst.

Von einem Morgen, an dem wir anders aufstehen. Von einem Kleid, das viel zu schön ist, um nur auf einen besonderen Anlass zu warten. Von einem Lippenstift, der eine Stimmung verändert. Von einem gebuchten Flug, einem klaren Gedanken oder diesem kleinen, fast unscheinbaren Moment, in dem wir beschließen, nicht länger auf die Rolle zu warten, die uns jemand anderes schreibt.

Das bedeutet nicht, dass Romantik ihren Zauber verliert. Bitte nicht. Kerzenlicht, große Gesten und leidenschaftliche Blicke dürfen selbstverständlich bleiben. Wir sind hier nicht, um dem Leben das Drama zu nehmen.

Wir sind hier, um das bessere Drehbuch zu schreiben.

Die Liebe darf kommen. Das Happy End auch. Der Mensch, der gut ist, darf sehr gerne mitspielen. Nur geben wir dafür unser eigenes Leben nicht mehr an der Garderobe ab.

Vielleicht ist die erwachsene Version des Märchens genau das: Wir dürfen träumen, hoffen, lieben und trotzdem unsere eigene Geschichte schreiben. Wir dürfen Prinzessinnen sein, ohne hilflos zu wirken. Wir dürfen Glitzer tragen, auch wenn der Alltag gerade eher nach E-Mail-Postfach als nach Ballsaal aussieht. Wir dürfen an Magie glauben und trotzdem sehr genau wissen, was wir wollen.

Vielleicht ist das eigentliche Happy End kein Prinz am Ende der Treppe.

Vielleicht ist es die Frau, die oben steht, gut angezogen, leicht überpünktlich, mit einem Blick, der sagt: Ich komme auch allein sehr gut durchs Schloss.

Und falls unterwegs doch jemand Besonderes dazukommt?

Wundervoll.

Dann darf dieser Mensch mitlaufen. Neben ihr. Nicht als Rettung, sondern als Begleitung. Als jemand, der erkennt, dass diese Geschichte längst begonnen hat — und dass er großes Glück hat, überhaupt in ihr vorzukommen.

Bis dahin machen wir es uns schön.

Mit etwas Glitzerstaub. Ein bisschen Strass. Vielleicht einem viel zu dramatischen Kleid für einen ganz normalen Dienstag.

Denn das Leben ist manchmal ernst genug. Da darf es ruhig funkeln.

Lovely regards,

yours
NAYA.E

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