Lazy Sundays

Es gibt diesen einen Tag in der Woche, an dem ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Nicht mir. Nicht den anderen. Nicht diesem unsichtbaren Publikum, das angeblich zusieht, ob ich mein Leben auch „richtig" lebe.

Der Sonntag. Mein Sonntag.


ch nenne ihn den heiligen Sonntag – nicht, weil ich in die Kirche gehe, sondern weil ich ihn genauso verteidige, wie man etwas Heiliges eben verteidigt. Mit beiden Händen. Notfalls mit Ellbogen.

Wir leben in einer Zeit, die Stillstand kaum noch erträgt. Jeder freie Tag will optimiert werden. Jedes Wochenende soll Content liefern, Erinnerungen produzieren, irgendetwas vorweisen können am Montag, wenn die Frage kommt: Und, was hast du gemacht?

Man müsste doch eigentlich draußen sein. Neue Menschen treffen. Irgendein Museum, irgendein Café mit dem richtigen Licht, irgendeine Stadt, die man später bei irgendjemandem erwähnen kann. Man müsste – natürlich, wie könnte es anders sein – nebenbei am eigenen Imperium arbeiten. Skalieren. Netzwerken. Die Sonntagsruhe klingt heute fast wie ein Versäumnis. Als würde man, während man in Decken versinkt, irgendwo leise ein Level verlieren, das andere gerade gewinnen.


Wie erschöpfend, ein Imperium zu führen, das aus nichts als einer Wohnung, einem Buch und drei Kissen besteht.


Was an diesem Tag tatsächlich passiert

An meinem Sonntag tue ich, was mir guttut. Ganz gleich, wie unproduktiv es klingt.

Ich bleibe im Bett, bis das Bett selbst beleidigt wirkt, dass ich es überhaupt noch verlassen will. Ich lese, ohne auf die Uhr zu schauen. Ich esse, was ich mag – nicht, was auf irgendeiner Liste als klug gilt. Wenn es an diesem Tag Pasta sein soll und danach noch Schokolade, dann ist es eben Pasta und danach Schokolade. Niemand muss das rechtfertigen. Am wenigsten ich mir selbst.

Kein Ziel. Keine Route. Kein Ort, an dem ich später gewesen sein muss, um zu beweisen, dass ich gelebt habe.

Das ist die Ironie an der ganzen Sache: Ausgerechnet der Tag, an dem ich am wenigsten „mache", ist der Tag, der mich am meisten trägt. Alles andere – die Termine, das Tempo, das ständige Weiterreichen der eigenen Aufmerksamkeit – funktioniert nur, weil dieser eine Tag existiert. Still. Unproduktiv. Vollkommen meiner.

Ich habe dieses schlechte Gewissen jahrelang mit mir herumgetragen. Diese kleine, nervöse Stimme, die sagt: du verschwendest den Tag. Bis ich verstanden habe, dass genau dieses Gewissen das eigentliche Problem war. Nicht der Sonntag.

Regeneration ist kein Luxus, den man sich verdienen muss

Niemand fragt eine Pflanze, ob sie sich den Regen verdient hat.

Trotzdem behandeln wir Ruhe wie eine Belohnung, die man sich erst erarbeiten muss. Erst die Woche durchstehen, dann darf man liegen bleiben. Erst genug leisten, dann darf man nichts tun. Als wäre Erschöpfung der einzige gültige Grund, innezuhalten.

Ich habe aufgehört, darauf zu warten, dass ich mir den Sonntag verdiene.

Er steht mir einfach zu. So wie Schlaf. So wie Atmen.

Mein Kalender ist an diesem Tag leer, und genau das ist der Punkt.

Kein Netzwerken. Keine neuen Kontakte, die geknüpft werden müssen, keine Erinnerungen,

die produziert werden müssen, damit die Woche sich gelohnt hat.

Manchmal ist die schönste Erinnerung die, die niemand außer mir je erfährt: dieses eine Nickerchen

um vier Uhr nachmittags, mitten im Tageslicht, ganz ohne schlechtes Gewissen.

Warum ich diesen Tag nicht mehr hergebe

Ich habe verstanden, dass ich an sechs Tagen die Woche funktioniere, liebe, arbeite, organisiere, für andere da bin – und dass genau deshalb ein Tag existieren muss, der niemandem gehört außer mir.

Der heilige Sonntag ist kein Rückzug aus dem Leben. Er ist die Voraussetzung dafür, dass ich am Montag überhaupt wieder eine Frau sein kann, die etwas trägt, ohne darunter zusammenzubrechen.

Also nein – ich war an diesem Sonntag nicht draußen. Ich habe niemanden kennengelernt. Ich habe kein Imperium aufgebaut. Ich lag im Bett, mit Krümeln im Laken und einem Buch, das ich seit drei Wochen nicht weiterlese.

Und ich habe mich noch nie so vollständig gefühlt.

Lovely regards,

yours

NAYA.E

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